Osidla etnofiletismu: srbská pravoslavná církev v zajetí kosovského mýtu

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Die Fallstricke des Ethnofiletismus: die Serbische Orthodoxe Kirche in der Gefangenschaft des Kosovo-Mythos
Source document: Sborník prací Filozofické fakulty brněnské univerzity. C, Řada historická. 2007, vol. 55, iss. C53, pp. [117]-132
Extent
[117]-132
  • ISSN
    0231-7710
Type
Article
Language
Czech
License: Not specified license
Abstract(s)
Die Studie befasst sich mit der Artikulation des serbischen Nationalismus, in dem durch seine Theologie das Märtyrertum, unterstutzt durch den sog. Kosovo-Mythos, und auch die Serbische Orthodoxe Kirche einen bedeutende Rolle spielten. Zur Artikulation des Nationalismus kam es in Jugoslawien nach dem Tode von J. B. Tito seit Beginn der 1980er Jahre. Damals begann sich in Jugoslawien die traditionelle Selbstidentifikation auf der Grundlage der konfessionellen Zugehörigkeit erneut zu verstärken, was u. a. dazu führte, dass das Wirken der großen traditionellen Kirchen in Jugoslawien dank ihres Ethnofiletismus zu einer der Quellen des Nationalismus avancierte. Nach dem Zusammenbruch der kommunistischen Ideologie wurde erwartet, dass es in Serbien zu einer geistigen Erneuerung des durch den Kommunismus zum Atheismus geführten Volkes kommen wurde. Die Serbische Orthodoxe Kirche richtete ihre Anstrengungen freilich auf die Erneuerung ihrer machtpolitischen Stellung innerhalb der Gesellschaft. Die Versuche der Serbischen Orthodoxen Kirche zur Einflussnahme auf die politischen Entscheidungen der staatlichen Machtorgane waren verbunden mit der sich stetig verschlechternden Lage im Kosovo. Die Kirche begann dabei auch den sog. Kosovo-Mythos aufzubauen, der eine bedeutsame Rolle für die nationale Bewusstseinsbildung des serbischen Ethnikums in den Jahrhunderten der türkischen Herrschaft gespielt hatte. Eine Aktualisierung dieses Mythos finden wir in den Werken der serbischen nationalistisch ausgerichteten Intelligenz, vor allem aber in den Werken und Bekundungen einflussreicher Theologen der Serbischen Orthodoxen Kirche, die dann später - erstaunlicherweise - in den offiziellen Diskurs der politischen kommunistischen Elite Eingang fanden! Einen Bestandteil des Kosovo-Mythos bildet zudem die Theologie des Leidens und des Märtyrertums, durch die Kirche auf das gesamte serbische Volk übertragen, das somit zu den Gefühlen der eigenen Exklusivität und göttlichen Auserwähltheit geführt wird. Der Kosovo-Mythos enthält zwei grundlegende Postulate: die Kosovo-Entscheidung - das Bild der serbischen Kampfer und ihres Fürsten Lazar, die anstelle des irdischen Lebens den Tod im Gefecht wählen und somit durch den Kampf für den Glauben in das himmlische Königreich einziehen. Sich kosovarisch zu entschieden bedeutet dem Mythos zufolge, den Gedanken anzunehmen, dass derjenige, welcher geschlagen ist, siegen wird. Im Mittelpunkt des Kosovo-Mythos steht somit der moralische Triumph des Opfers. Das Volk (und seine Geschichte) gewinnt dank dieses Mythos metaphysische und kosmische Dimensionen, steigt zu einem von Gott erwählten Volk auf. Das zweite Postulat bildet das kosovarische Versprechen, dass das in der Schlacht verlorene Kosovo wiederum serbisch wird. Dieser Schwur symbolisiert und prophezeit die Rache für die einstige Niederlage und den Verlust des Staates. Der Kosovo-Mythos, durch orthodoxe Theologen mit Blick auf die "gegenwärtigen Geschehnisse" reinterpretiert, wurde - als scharfsinnige politische Propaganda, die die mythischen Entscheidungen der mittelalterlichen serbischen Helden zur Durchsetzung der politischen und nationalistischen Ziele der Gegenwart vergegenwärtigte - auch zu einem Bestandteil der Bekundungen der Politiker. Die Einbindung der Theologen in die nationalistische Propaganda verlieh den politischen Argumenten den Anschein einer Zeitlosigkeit und besaß daher ein größeres Gewicht als die Reden der politischen Propagandisten selbst. Die Verantwortung eines Teils der serbischen Kirchenelite für die Entstehung und Ausbreitung nationalistischer Ressentiments in Serbien ist daher unbestritten. In der Studie wird abschließend konstatiert, dass der Kosovo-Mythos in den Zeiten der serbischen nationalen Wiedergeburt im Verlaufe des 19. Jahrhunderts als eine Phase innerhalb der Entfaltung des nationalen Denkens unerlässlich war, als geistiger Zustand am Ende des 20. Jahrhunderts hingegen übte er einen verderblichen Einfluss aus, da diese Art des Denkens und Handelns - mit den Worten des Mythos ausgedrückt - lediglich zu einem "neuen Kosovo" führen konnte, das diesmal freilich nicht allein nur den Verlust des "heiligen serbischen Landes" bedeutete, sondern vor allem auch eine intellektuelle und ethische Niederlage darstellte.
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